Weh-Weh-Weh
Willis Wein Werkstatt
Christmann Königsbacher Idig 2009 GG
Verkostet im Mai 2011
Kaum ein Wein hat mich in den vergangenen Jahren so sehr beschäftigt wie Christmanns Idig. Den 2002er hätte ich am
liebsten auf ein Podest gestellt, ihm Denkmäler errichtet, ihn für die Nachwelt konserviert, mit einem Beipackzettel: So,
ganz genau so sollte; nein; so, ganz genau so muss großer trockener Riesling aus der Pfalz schmecken! Für alle Zeiten!
Hugh, ich habe getrunken!“ Power pur, perfekte Harmonie von Frucht, Süße, Säure, Mineralik, in seiner ganzen Tiefe
ungemein vielschichtig und von unendlicher Länge. In Bestform, auf dem absoluten Höhepunkt, so um 2007/2008
erreichte er 97 bis 98 von 100 Willipunkten, nicht ganz so gute oder etwas zu spät getrunkene Flaschen noch immer 93
bis 95 Willipunkte.
Abgang 2002, Aufmarsch 2003. Rumms, der Jahrgang hat zugeschlagen. Und hier fast schlimmer als irgendwo sonst.
Breit, floral, bitter, seeeehr schwierig. Bei manchen blinden Proben tat ich kund, dies sei unter Weine, die die Welt nicht
braucht“ zu rechnen. Oder den nehme ich nicht einmal geschenkt“. Dann 2004. Bis heute streiten die Gelehrten das sind
in diem Fall insbesondere mein Weinfreund Wolfgang aus Rösrath und ich ob denn der 2002er oder der 2004er der
Bessere sei. Ich will natürlich nicht immer Recht behalten, aber leider ist es auch in diesem Falle schon wieder so. Der
2002er, dies ist hiermit höchstrichterlich verkündet, bringt das kleine Eckchen zusätzlichen Schmelz mit, der ihn die
Weinnase ganz knapp vorne behalten lässt. Ansonsten dem 2002er wie aus dem Gesicht geschnitten. Oder muss das
heißen aus dem Etikett geschnitten“?
Abgang 2004, Aufmarsch 2005. An sich ein Spitzenjahr. Aber bei Christmann war ich eher enttäuscht. Wie auch 2007.
Von den schwierigeren Weinen in 2006 ganz zu schweigen. In diesen Jahren erfolgte eine Umstellung auf stärker
biologisch ausgerichteten Weinbau. Hat den Weinen wie so oft erst einmal nicht so gut getan. Mein pawlowsches
Appetenzverhalten Idig, supi, her damit!“ mündete in dieser Zeit immer öfter in den Gesichtsausdruck gequälter
Enttäuschung.
Und jetzt 2009. Endlich wieder Idig? Vom alten Schlag? Ja! Und nein! Der Wein ist schon wieder ganz anders geworden.
Mystischer, schwerer fassbar, er führt irgendwie so eine Art Schleiertanz auf, zeigt immer nur einzelne Komponenten und
deutet damit zugleich an, dass er sich zu einem ungemein komplexen Gesamtbild runden könnte Dürfte Müsste!
Pfälzische Nase, soll heißen viel steinobstige Frucht, voll, leicht erdig und dennoch sehr charmant. Und noch eines:
Schon im Riechkolben wird deutlich wie druckvoll dieser Wein ist. Warm, fast schon likörig selbst im Duft. Im Hintergrund
allerdings turnt ein ganz leichter Unruhestifter herum. Immer mal so zwischenrein ein ganz leicht oxidativer Ton? Oder ist
es eher etwas Florales? Ja, das trifft es besser.
Auch am Gaumen eine Mischung aus leicht erdig angehauchter Frucht und diesen floralen Elementen. Fast ein wenig
2003er-Feeling, zum Glück aber ohne die Bittertöne und dafür mit stabilerer Frucht. Genau das war für mich das Problem
des Weinguts in den letzten Jahren die Umstellung auf die Biodynamik ließ die Weine floraler werden, manchmal etwas
bitter und im schlimmsten Fall gar leicht gezehrt. Das ist hier nicht mehr zu beobachten, das ist Idig wie einst im Mai.
Mit mehr Luft kommen in der Nase leicht kreidig-mineralische Töne hinzu. Im Mund übersetzt sich das in eine stärkere
Präsenz der Frucht, auch hier untermalt von einer kreidigen Note und fast so etwas wie einem Anflug von Veltliner-
Pfefferl. Eine leichte Schärfe, die nicht vom Alkohol kommt. Es ist halt ein Wein der 100 Gesichter, ein Schleiertänzer, wie
der Bayon-Tempel in Angkor, eines in jede Himmelsrichtung. Und, das ist das Schönste, er lächelt den Gaumen genauso
an wie die Bayon Gesichter in Kambodscha ihre Gäste. Dauernd verändert er sich, in einem aber bleibt er sich treu, das
ist die Power, die er an den Gaumen bringt. Saftig, tief und unglaublich lang, da wird im Abgang das Zäpfchen von den
kräftigen Händen eines Sumo-Ringers durchgewalkt. Das geht fast schon ein wenig ins Aggressive. Den Wein möchte
ich in fünf, acht, zehn Jahren noch einmal probieren. Auch um zu sehen, ob er wirklich wieder an die gute Tradition der
2002er und 2004er anknüpft.
Noch immer ist reichlich im Glas. Das ist kein Wein der schnellen Schlucke, eher ein Meditationstropfen. Jetzt wird er mal
für eine Weile noch veltlineresker, fast nicht mehr rebsortentypisch. Dann kommt wieder die Cremigkeit des Rieslings an
die Oberfläche. Füllig, saftig, charmant, plötzlich streichelt er den Gaumen wieder, die Schärfe ist fort und er gibt sich als
reiner Harmoniebolzen. Köstlich. Das verdient in diesem Zustand die hohe Bewertung von 94/100 Willipunkten, wenn
auch ein klein wenig in Sorge, ob der Wein diese Vielschichtigkeit und Vielfalt tatsächlich über die Jahre transportieren
wird. Wie Hebebühnenarbeiter können ja auch nicht in die Zukunft blicken.
Heute auf der Hebebühne: Christmann Königsbacher Idig 2009 GG